FGM/C steht für Female Genital Mutilation/Cutting und wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als „alle Eingriffe, die eine teilweise oder vollständige Entfernung der äußeren weiblichen Genitalien oder andere Verletzungen der weiblichen Genitalorgane aus nicht-medizinischen Gründen umfassen“, definiert. Diese Definition gilt international und wird auch in Deutschland verwendet, wo FGM/C seit 2013 als eigenständiger Straftatbestand (§ 226a StGB) mit mindestens einjähriger Freiheitsstrafe geahndet wird. Der Begriff umfasst Praktiken wie Schneiden, Entfernen oder Verschließen der Genitalien, die ohne therapeutischen Zweck erfolgen.
Die WHO unterscheidet 4 Typen von FGM/C (neueste Fassung 2008 des UN-Interagency Statement „Eliminating FGM“):
Typ I Clitoridektomie: Partielle oder vollständige Entfernung der Klitoris und/oder der Klitorisvorhaut
a Entfernung der Klitorisvorhaut
b Entfernung der Klitoris und der Klitorisvorhaut
Typ II Exzision: Partielle oder vollständige Entfernung der Klitoris und der kleinen Schamlippen, mit oder ohne Entfernung der großen Schamlippen
a Entfernung der inneren Schamlippen
b Partielle oder vollständige Entfernung der äußeren Klitoris und inneren Schamlippen
c Partielle oder vollständige Entfernung der äußeren Klitoris sowie der inneren und äußeren Schamlippen
Typ III Die pharaonische Verstümmelung oder Infibulation: Verengung der Vaginalöffnung mit Herstellung eines bedeckenden, narbigen Hautverschlusses nach Entfernen der kleinen und/oder großen Schamlippen durch Zusammenheften oder -nähen der Wundränder, meistens mit Entfernung der Klitoris.
a Entfernen und Zusammennähen der inneren Schamlippen, mit oder ohne Entfernung der Klitoris
b Entfernen und Zusammennähen der äußeren Schamlippen, mit oder ohne Entfernung der Klitoris
Typ IV Alle anderen schädigenden Eingriffe, die die weiblichen Genitalien verletzen und keinem medizinischen Zweck dienen, zum Beispiel: Einstechen, Durchbohren, Einschneiden, Ausschaben, Ausbrennen oder Verätzen, Dehnen.
*Infibulation (lat. fibula = Spange) umfasst die Entfernung der gesamten großen und kleinen Labien und der Klitoris. Die äußeren Wundränder werden anschließend mit Dornen oder anderen lokalen Materialien zusammengefügt, sodass nach Abheilung eine glatte, vernarbte Hautplatte die Vagina bis auf eine winzige Öffnung (meist hinten) verschließt.
15% der überlebenden Frauen und Mädchen leben mit Typ III.
5% der Betroffenen sind von Typ IV betroffen.
Diese Klassifizierung ist nur eine grobe Annäherung an die vielen lokalen Variationen. Besonders in ländlichen Gebieten wird die Prozedur entsprechend der jeweils vorkommenden Tradition der Vorfahren ausgeführt.
FGM/C in Deutschland und in Hamburg
In Deutschland lebten Ende 2024 schätzungsweise rund 123.000 Frauen und Mädchen, die von FGM/C bereits betroffen sind oder als bedroht gelten; davon haben etwa 86.500 volljährige Frauen bereits eine Form der Genitalverstümmelung erfahren, während rund 11.100 minderjährige Mädchen als potenziell betroffen und bis zu 25.000 weitere Mädchen als gefährdet eingestuft werden. Die aktuelle Schätzung wurde von der Prognos AG im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend anhand der Ausländerstatistik des Statistischen Bundesamts für 31 Herkunftsländer erstellt und zeigt einen Anstieg der betroffenen volljährigen Frauen um 83 Prozent gegenüber der letzten vergleichbaren Schätzung im Jahr 2017.
2011 lebten 11.200 Personen mit afrikanischem Hintergrund in Hamburg. 39% von ihnen kommen aus Familien, in denen der Brauch der Genitalverstümmelung weiter praktiziert wird. 30% der Frauen, die aus den praktizierenden Ländern kommen, sind beschnitten. 80% unterstützen das Aufgeben der weiblichen Beschneidung. 70% von ihnen glauben, dass FGM Vorteile mit sich bringt und 20% wollen das Verfahren weiterführen (Plan International e.V. 2011, S.7).
Kurzgeschichte zur FGM/C
Mündliche Überlieferungen und linguistische Untersuchungen weisen darauf hin, dass die weibliche Genitalverstümmelung schon ca. dreitausend Jahre vor Christus in Ägypten praktiziert wurde. Also lange vor den verschiedenen monotheistischen Religionen.
FGM/C: Ein weltweit verbreitetes Phänomen
Die weibliche Genitalverstümmelung ist ein Phänomen, das weltweit praktiziert wird und zwar in Teilen Afrikas (in Regionen der Sahara und der Sahelzone), im Nahen und Mittleren Osten (Yemen, Oman, im kurdischen Teil Syriens, im Irak und Iran), aber auch in Teilen Russlands, in Dagestan, in Teilen Indiens, Indonesien, Malaysia, Thailand, bei bestimmten Bevölkerungsgruppen in Australien, in Neuseeland, in Teilen Westbrasiliens, Mexikos, Kolumbiens und Perus. FGM ist kein isoliert afrikanisches Phänomen, wie fälschlich behauptet wird, sondern ein weltweites Problem.
FGM/C weltweit
Weltweit sind nach UNICEF-Schätzungen von 2024 über 230 Millionen Frauen und Mädchen von FGM/C betroffen, ein Anstieg um 15% seit 2020 durch neue Daten und Bevölkerungswachstum. Weitere 4 Millionen Frauen und Mädchen sind pro Jahr gefährdet. FGM/C wird seit Jahrtausenden praktiziert und ist als Praxis in über 94 Ländern dokumentiert, in Afrika (ca. 144 Mio.), Asien (80 Mio.) und dem Nahen Osten (6 Mio.), mit jährlich 3–4 Mio. neuen Fällen. Höchste Prävalenzraten (80–99%) finden sich in Ländern wie Somalia, Guinea, Djibouti, Mali, Ägypten, Sudan und Eritrea.
FGM/C in Europa
Durch die zunehmende Süd-Nord-Migration ist die weibliche Genitalverstümmelung heutzutage auch in vielen europäischen Staaten verbreitet. Heute leben mehr als 600.000 Überlebende der weiblichen Genitalverstümmelung aus unterschiedlichen Gegenden der Welt in den Ländern Europas. Die meisten betroffenen Frauen leben in den großen Städten.
FGM/C verursacht starke Schmerzen und traumatische Erfahrungen mit unmittelbaren und langfristigen Risiken für Körper und Psyche.
Akute Risiken
Starke, teils lebensbedrohliche Blutungen.
Akute, intensive Schmerzen während und nach dem Eingriff.
Hämorrhagischer, neurogener oder septischer Schock.
Entzündungsreaktionen oder lokale Infektionen mit Schwellungen.
Lokale Infektionen, Abszesse, Sepsis, Genital , Geburtskanal- und Harnleiterinfektionen.
Erhöhtes HIV-Risiko, besonders bei Verwendung nicht steriler Schneidewerkzeuge.
Akuter Harnverhalt, Schmerzen beim Wasserlassen, verlängerte Blasenentleerung.
Verzögerte oder gestörte Wundheilung.
Tod durch Verbluten oder schwere Infektionen (Sepsis).
Risiken bei Schwangerschaft und Geburt
Verlängerte Wehen, erschwerter, langwieriger Geburtsverlauf.
Erhöhtes Risiko für Kaiserschnitt, Zangengeburt oder Dammschnitt.
Geburtsverletzungen: Geburtsrisse, zusätzliche Wundbildungen.
Erhöhtes Risiko von Totgeburt oder Tod des Neugeborenen während und nach der Geburt.
Häufiger notwendige Reanimationsmaßnahmen beim Neugeborenen
Blutverlust von 500 ml oder mehr (postpartale Hämorrhagie) nach der Geburt
Verlängerte stationäre Behandlung von Mutter und/oder Kind.
Störungen der sexuellen Funktion
Deutlich erhöhtes Risiko von Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, besonders bei schwereren Formen (z. B. Typ III).
Geringere Lust, reduzierte sexuelle Stimulation.
Erschwerte Penetration durch verminderte Lubrikation, erhöhte Schmerzen und Verletzungsrisiken.
Fehlender oder seltener Orgasmus, Einschränkung der sexuellen Selbstbestimmung
Psychosoziale Folgen durch Angst, Schmerzen, Partnerschaftskonflikte, geringeres Selbstwertgefühl.
Psychologische Risiken
Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS): Angststörungen, Depressionen, Aggressivität, Gereiztheit.
Emotionale Belastungen: Identitätskonflikte, Entfremdung vom eigenen Körper, Scham und Schuldgefühle.
Langzeitrisiken
Chronische Schmerzen vor allem im Genital- und Beckenbereich.
Vaginaler Ausfluss, häufig infektionsbedingt, teils chronisch.
Wiederkehrender vaginaler Juckreiz, oft durch Infektionen oder Narbenveränderungen.
Menstruationsprobleme: Starke Regelschmerzen, unregelmäßige Blutungen, verzögerter Blutabfluss.
Wiederkehrende bakterielle Infektionen an Vulva und Vagina.
Risiko für Unterleibsinfektionen (z. B. Beckenentzündungen).
Häufig wiederkehrende Entzündungen der Harnröhre.
Schmerzen und Brennen beim Wasserlassen, oft durch Verengung oder Infektionen.
Wir beraten betroffene Familien, betroffene Mädchen, einflussreiche Mitglieder, Organizer von betroffenen Communities sowie Flüchtlinge, Pastoren oder Imame, bzw. Multiplikatoren
Junge Aktivistinnen werden fortgebildet, um die junge Generationen gegen FGM/C zu sensibilisieren
Bei Interesse können Sie uns jeden Mittwoch von 9:00 – 13 Uhr erreichen.

Wir bieten Fortbildungen gegen weibliche Genitalverstümmelung für Institutionen und NGOs bundesweit an. Möchten Sie gerne mehr über transkulturellen Umgang, Umgang bei der Beratung oder Umgang bei Asylfragen betreffend weiblicher Genitalverstümmelung erfahren? Dann kontaktieren Sie uns.
info@lessan.eu